KI-Code ohne Tech-Schuld: dein Review muss sich ändern
Wenn der Agent 200 Zeilen in 20 Sekunden schreibt, kannst du nicht mehr Zeile für Zeile lesen. Review muss vom Lesen zum Verhören werden.
Es gibt einen Moment, den inzwischen jeder kennt, der mit Agenten arbeitet: Du tippst einen Satz, drückst Enter, und 200 Zeilen Code erscheinen. Sie sehen gut aus. Sie laufen sogar. Und genau hier beginnt das Problem.
Das klassische Code-Review wurde für eine Welt gebaut, in der Code teuer zu produzieren war. Ein Mensch schrieb ihn langsam, ein anderer las ihn langsam. Beide hatten Kontext. Diese Welt ist vorbei. Wenn Produktion fast gratis wird, verschiebt sich der gesamte Engpass auf das Review — und das alte Modell skaliert nicht mit.
Das Problem: plausibel ist nicht korrekt
KI-Code hat eine gefährliche Eigenschaft: Er ist überzeugend. Er hält sich an Konventionen, hat sinnvolle Variablennamen, sieht aus wie von einem Senior. Das senkt deine Wachsamkeit genau dann, wenn du sie am meisten brauchst.
Die Fehler sind nicht die offensichtlichen Syntaxfehler von früher. Es sind subtilere Dinge:
- eine Annahme, die in 95 % der Fälle stimmt
- ein Edge Case, der lautlos verschluckt wird
- eine Sicherheitslücke, die in der Demo nie auffällt
- eine Abhängigkeit, die der Agent erfunden oder veraltet eingebaut hat
Zeile für Zeile lesen hilft hier nicht mehr — dafür ist das Volumen zu groß. Du brauchst ein anderes Verfahren.
Vom Lesen zum Verhören
Ich habe mein Review umgestellt. Nicht „lese ich jede Zeile?", sondern „kann ich diesem Code misstrauen und ihn überführen?". Vier Fragen, in dieser Reihenfolge:
1. Was hat der Agent angenommen?
Jede Generierung trifft stille Annahmen. Frag sie explizit ab: Welche Inputs hält er für garantiert? Was passiert bei null, leer, negativ, riesig? Die interessanten Bugs leben in den Annahmen, nicht im Code.
2. Wo ist der Test, der es beweist?
Kein Test, kein Merge. Aber Vorsicht: Lass den Test nicht vom selben Agenten im selben Durchlauf schreiben — dann testet er seine eigene Annahme gegen sich selbst. Schreib die kritischen Tests selbst oder in einem getrennten Schritt.
3. Passt es ins System — oder nur in die Datei?
Der Agent sieht den lokalen Ausschnitt. Du siehst die Architektur. Dupliziert er Logik, die schon existiert? Bricht er eine Schicht-Grenze? Führt er ein drittes Muster für etwas ein, das schon zwei hat?
4. Würde ich das in sechs Monaten verstehen?
Wartbarkeit ist kein Luxus. Wenn du den Code heute nur halb verstehst, verstehst du ihn in einem Quartal gar nicht — und der Agent, der ihn schrieb, erinnert sich an nichts.
Tempo behalten, Disziplin behalten
Das klingt nach mehr Arbeit. Ist es aber nicht — es ist verlagerte Arbeit. Du sparst die 80 % Tipparbeit und investierst einen Teil davon in ein schärferes Review. Unterm Strich bist du immer noch dramatisch schneller. Nur ohne die Quittung, die sechs Monate später kommt.
Genau das meine ich, wenn ich sage: KI baut schnell — ich sorge dafür, dass es hält. Nicht, indem ich den Agenten bremse. Sondern indem ich ihn verhöre, bevor sein Code in Produktion geht.